Das Konzept der Gruppe


Das Konzept der Gruppe, wie ich sie in meiner Praxis anleite, ist das der halboffenen therapeutischen Gruppe. Das bedeutet, dass für jeden ausscheidenden Patienten ein neuer Patient in die Gruppe kommt.

Als zentrale Teilnamevoraussetzung gilt zunächst die Bereitschaft, sich auf eine Gruppenerfahrung einzulassen.

Konkret bedeutet das, sich in Gegenwart anderer mitzuteilen, sich dem anderen mit seinem Anliegen anzuvertrauen und das Interesse für das Anliegen der anderen GruppenteilnehmerInnen aufzubringen.
 
Anders als in manchen Kliniken oder Einrichtungen, erfolgt die Gruppenzusammensetzung unter meiner Leitung störungsunspezifisch.
Demnach finden sich in den Gruppen Menschen, die aus ganz unterschiedlichen Gründen eine Psychotherapie aufgesucht haben: Es gibt also keine reine Angst- oder Depressionsgruppen oder für Menschen, die in Folge einer psychotischen Krise mit einer Persönlichkeitsstörung zu mir kommen.

Das verbindende Thema ist häufig die Frage, welche Seiten meiner Persönlichkeit erleben andere in einem öffentlichen Rahmen, wie komme ich eigentlich beim Anderen an, beziehungsweise welche der Probleme, die mir im beruflichen oder privaten Kontext widerfahren, lassen sich in der therapeutischen Gruppe aus einem erweiterten Blickwinkel betrachten und - vorausgesetzt es gibt hier einen Wiedererkennungseffekt - auch in der Mehr-Personen-Beziehung bearbeiten.

Erfahrungsgemäß und nachgewiesenermaßen sind länger angelegte Veränderungsprozesse - dies gilt für die Einzel- ebenso wie für die Gruppenselbsterfahrung - deutlich nachhaltiger in ihrer Auswirkung auf unser Erleben. Dies liegt zum einen daran, dass in jeder Beziehung erst einmal Vertrauen aufgebaut werden muss. Sie werden sich gewiss daran erinnern, dass es beim Aufbau vertrauenswürdiger Beziehungen vor allem auf ihre Entschlossenheit angekommen ist, einen Schritt auf den anderen zu zu machen: Wenn Sie selber den Eindruck haben, dass es Ihnen in Gruppen immer wieder so geht, dass Sie eine bestimmte Rückmeldung bekommen, die sich nicht mit dem eigenen Erleben deckt, dann ist es vielleicht an der Zeit, diese Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung ein wenig genauer heraus zu arbeiten.

Eine therapeutische Selbsterfahrung in der Gruppe findet zusammen mit 7-8 weiteren Gruppenteilnehmerinnen statt, die bereit sind, sich bei ihrer Entwicklung kritisch zu hinterfragen. In diesen Gruppenprozess sich hinein zu begeben, vergleiche ich gern mit der Entscheidung, sich für eine Busreise zu entscheiden, bei der das Ziel - sagen wir der Urlaubsort oder die Gegend, durch die Sie diese Rundreise führt - bekannt ist, nicht aber, wer sich zusammen mit Ihnen für diese Busreise entschieden hat. Zunächst ist es Ihnen vielleicht noch relativ egal, welche charakterlichen Eigenschaften die Mitreisenden haben, solange Sie sich am Abend in Ihr Hotelzimmer zurückziehen, solange Sie also dosieren können, wie viel Gesellschaft Sie haben möchten.

Nach einem Stück des gemeinsam zurück gelegten Weges werden Sie möglicherweise neugierig auf die Mitreisenden, vielleicht gestatten Sie den anderen sogar, mit Ihnen in einen intensiveren Kontakt zu treten oder aber Sie spüren ein zunehmendes Interesse an Ihrem Gegenüber, der sich bei dem letzten Raststättenaufenthalt in einer etwas heiklen Situation ausgesprochen konstruktiv verhalten hatte, so dass Sie sich vielleicht spontan gefragt haben, ob Sie sich von diesem Mitreisenden noch etwas abschauen könnten.

Mit dieser schwindenden Skepsis verringert sich zumeist auch die Distanz und Sie haben vielleicht schon nach wenigen Tagen den Eindruck, ein fester Bestandteil dieser Reisegruppe geworden zu sein, auch wenn es vermutlich jemanden unter den Mitreisenden geben mag, dem Sie lieber auf Distanz bleiben wollen.

An dieser Stelle will ich das Gleichnis der therapeutischen und der Reisegruppe beenden, bin mir aber sicher, dass auch Ihnen spontan Situationen aus Ihrem Lebensalltag eingefallen sind, wo Sie in oder nach der jeweiligen Konfliktsituation sich geschworen haben, dass Sie diese Situation beim nächsten Mal mit mehr Entschlossenheit gestalten, wo Sie sich selber aktiver einbringen möchten.

Lassen Sie es drauf ankommen. Nur kalkulieren Sie für diese Gruppenreise in ein bis dahin womöglich unbekanntes Land hinreichend Zeit ein, so eine Rundreise ist nicht zu verwechseln mit einem VHS Kurs zum Thema "Wie stärke ich an zwei Wochenenden mein Selbstbewusstsein" - lassen Sie sich nicht so schnell von Ihren Gefühlen leiten, die uns bekanntlich schon mal auf Nebengleise führen, ohne dass wie dies sogleich merken..
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